Leopold Stokowski
Leopold Stokowski - hier zu sehen im hr-Sendesaal- war bekannt für sein eigenwilliges Verhalten. Bild © hr-Archiv

»Noch bevor er für den Beifall nach dem ersten Teil des Programms dankte, stieg Leopold Stokowski vom Podium und ging, ärgerlich auf ihn zeigend, auf einen Hörer in der ersten Reihe zu. Der Unglückliche hatte es gewagt, den Dirigenten zu fotografieren.«

»Fast gleichzeitig schoss auf Stokowskis Wink aus einer hinteren Reihe ein Herr im Smoking nach der jüngsten Mode hervor, offenbar der Manager, und forderte dem verdutzten Bewunderer den Film ab. Stokowski musste das Ablaufen des Verschlusses gehört haben, während er dirigierte! Solche Sensationen gehören zu seinen Konzerten. Man hat ihn einen Schaudirigenten genannt, und die Musikkritiker der Gazetten in aller Welt schwanken, ob sie ihn für ein Genie oder für einen Scharlatan oder für beides halten sollen.«

Auftakt mit Skandal

Mit der ausführlichen Schilderung dieses kleinen Eklats beginnt eine der zahlreichen Berichte über das legendäre Konzert, das der berühmt-berüchtigte amerikanische Dirigent Leopold Stokowski am 31. Mai 1955 im Großen Sendesaal dirigierte. Der erste Skandal ereignete sich allerdings schon im Vorfeld, weil Stokowski ziemlich kurzfristig und für alle völlig überraschend die Generalprobe ausfallen ließ.

Verschlossene Türen

Und damit nicht genug: Auch für einen der beiden Komponisten, deren Werke Stokowski in dem Konzert uraufführte, hatten die Allüren des egozentrischen Stardirigenten nachhaltige Konsequenzen. Es wäre sicher interessant gewesen, zu erfahren, wie Hans Werner Henze die Uraufführung seiner »Quattro poemi« im Hessischen Rundfunk erlebte. Doch leider hat er dies gar nicht, und das war der nächste Eklat. »Durch diktatorisches Wort von Leopold Stokowski verpasste ein Komponist seine Uraufführung«, lautete tags darauf nämlich eine andere Zeitungsschlagzeile. Was war geschehen? Lange vor dem eigentlichen Beginn des Konzerts hatte Stokowski die Eingänge zum Großen Sendesaal schließen lassen. Davor standen noch etliche Konzertbesucher (die Zahl 300 wird genannt), die so nicht mehr hineinkamen, unter ihnen auch Hans Werner Henze. Nach der enthusiastisch beklatschten Uraufführung sollte er eigentlich auf die Orchesterbühne kommen, um sich dem Publikum zu zeigen, aber er stand noch immer draußen in der Vorhalle vor verriegelten Türen.