Hugh Wolff
Hugh Wolff, Mark-Anthony Turnage und John Scofield (l.-r.) bei den Proben zu »Scorched« Bild © Urban Kirchberg

»Scorched« von Mark-Anthony Turnage und John Scofield wurde im Auftrag der »Gesellschaft der Freunde und Förderer des hr-Sinfonieorchesters« geschrieben. An der außergewöhnlichen Komposition für Jazz-Trio, Big Band und Orchester, die als »Work in Progress« entsteht, arbeitet man Anfang 2002 in einer Reihe von »Reading Sessions« gemeinsam in Frankfurt zusammen, bevor das Werk mit dem Komponisten Mark-Anthony Turnage und dem Solisten John Scofield im November aus der Taufe gehoben wird.

Die Saxofonisten waren noch leicht zuzuordnen, doch sonst musste man die Musiker schon kennen, um bei den ersten »Lese-Proben« im Sendesaal Zugehörigkeiten festzustellen. Es spielte ein Gesamtorchester aus dem damaligen Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt und hr-Bigband – ein durchaus nicht alltägliches Bild. Aber das ist gerade eine Spezialität von Turnage. Er ist in vielen Genres zu Hause und magisch angezogen von Forschungsreisen in musikalisches Neuland. Und dass dies gelingt, wird schon bei den ersten Proben mit noch fragmentarischer Partitur spürbar: eine faszinierende Gratwanderung zwischen Klassik und Jazz, changierend zwischen Jazzrhythmen, lyrischen Passagen, klassischen, mächtigen orchestralen Sätzen und Anflügen Neuer Musik.

Achtelnoten, Viertelnoten ...

Mark-Anthony Turnage und John Scofield
Mark-Anthony Turnage und John Scofield bei den Proben zu »Scorched« Bild © Urban Kirchberg

Es herrscht eine entspannte, aber hochkonzentrierte Atmosphäre während der »Reading Sessions«: Nach einem für Außenstehende schwer durchschaubaren System schlägt Hugh Wolff immer wieder andere Seiten in der großformatigen Partitur auf. Der Komponist sitzt in der ersten Reihe des Sendesaals und lauscht konzentriert. Er macht in seine Partitur Notizen, und wenn die Passage durchgeprobt ist, läuft er von Hugh Wolff zu John Scofield und bespricht sich.

In den Proben ist das Austarieren der Klangbalance unter den Instrumentengruppen eine wichtige Aufgabe. Der Praxistest erzwingt auch so manche Änderung im Notenwerk: »Bei Takt 28«, so ein Musiker, »ist die Achtelnote ein bisschen komisch«. Ein Blechbläser schlägt an anderer Stelle vor, einen Part ohne Stopfen zu spielen: »Man hört es sonst überhaupt nicht!« Kurze Besprechung zwischen Dirigent und Komponist: »O.k., ohne Stopfen.« Scofield wiederum möchte in einem Takt die Viertelnoten ändern. Anderswo müssen Tempi überprüft werden.

»O.k., die letzte Ziffer für heute«

Bei so vielen Beteiligten und engen Zeitplänen ist dieses Vorgehen nicht risikolos; es ist ein kooperativer Prozess, der sehr viel Offenheit füreinander, Zuhören und unendliche Disziplin erfordert. »O.k., die letzte Ziffer für heute«, nimmt Hugh Wolff die Proben wieder auf. Nach zwei Sekunden Stille ein sauberer Einsatz zu einem furiosen, sehr jazzigen Part. Vor Begeisterung verpatzt der Solist seinen Einsatz. Jeder lacht mit. Das Ganze wird dann in einem Rutsch durchgespielt. Lachende, gelöste Gesichter. Die erste Expedition in musikalisches Neuland ist geglückt.