Manfred Honeck
Manfred Honeck Bild © Felix Broede

James MacMillan: Britannia | Peter Tschaikowsky: 5. Sinfonie

Jetzt zu etwas ganz Großem: zum »Schicksal«.

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Programm

MANFRED HONECK | Dirigent

James MacMillan | Britannia
Peter Tschaikowsky | 5. Sinfonie e-Moll op. 64

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Wer das Wort lapidar mit »Pech« übersetzt – also: zur Haltestelle gelaufen, Bus fährt gerade weg – greift zu kurz. Da steckt mehr drin, Gewichtigeres. Peter Tschaikowsky hat eine bessere Definition gefunden, als er der Klarinetten-Melodie des ersten Satzes seiner 5. Sinfonie einen Namen gab: »Völlige Ergebung in das Schicksal oder, was dasselbe ist, in den unergründlichen Ratschluss der Vorsehung«.

Dieses Schicksalsmotiv bestimmt die ganze Sinfonie, es ist eben eine Schicksalssinfonie. Darum darf sie auch offenherzig sentimental sein, im Klang schwelgen, das volle Orchester zum Pulsieren bringen, herrlich romantische Melodien aussingen. Denn »Schicksal« ist ja nichts für kühle Denker, die glauben, alles berechnen und selbst bestimmen zu können. Bei dieser Sinfonie lässt man sich zurücksinken und genießt. Und ergibt sich gerne seinem Schicksal – das so schlecht nicht sein kann, wenn man das hr-Sinfonieorchester vor sich hat.

James MacMillan (*1959)
Britannia (1994)

DER KOMPONIST

James MacMillan wurde 1959 im schottischen Kilwinning geboren und studierte an der Universität Edinburgh und bei John Casken in Durham. Im Anschluss an eine Tätigkeit als Dozent an der Universität Manchester kehrte er 1988 nach Schottland zurück und ließ sich in Glasgow nieder, wo er auch heute komponiert und an der Royal Scottish Academy of Music and Drama lehrt. 1990 wurde er zum Hauskomponisten des Scottish Chamber Orchestra ernannt, und von 1992 bis 2002 war er Direktor der Reihe »Music of Today« des Philharmonia Orchestra London. James MacMillan feiert seit vielen Jahren auch Erfolge als Dirigent seiner eigenen Musik wie auch eines breiten Spektrums zeitgenössischer und klassischer Werke. 2000–2009 bekleidete er die Position des Hauskomponisten und -dirigenten des BBC Philharmonic, 2009–2013 war er »Principal Guest Conductor« der Niederländischen Radio-Kammerphilharmonie. Daneben dirigierte er bereits so renommierte Orchester wie die Münchner Philharmoniker, das City of Birmingham Symphony Orchestra, das Los Angeles Philharmonic, das National Symphony Orchestra Washington und das NHK Symphony Orchestra Tokyo. Im Januar 2016 stand er erstmals auch am Pult des hr-Sinfonieorchesters. 2004 wurde James MacMillan zum »Commander of the Order of the British Empire« ernannt und 2015 in den Ritterstand erhoben.

James MacMillans Musik zeichnet sich durch ihre außerordentliche Direktheit, Energie und emotionale Eindringlichkeit aus. Verweise auf schottische Volksmusik verleihen seinem Werk eine deutlich volkstümliche Prägung, während der Geist und die Thematik seiner Musik von religiösen und gesellschaftlichen Bezügen durchdrungen sind. MacMillans kompositorisches Schaffen reicht dabei von Klavier- und Kammermusikwerken über geistliche Chormusik bis hin zu Sinfonien und Opern. Darüber hinaus hat er für berühmte Solisten Konzerte geschrieben, darunter ein Cellokonzert für Mstislaw Rostropowitsch und Veni, Veni, Emmanuel für die Perkussionistin Evelyn Glennie – ein Werk, das bereits knapp 500 Aufführungen erlebte.

DAS WERK

Britannia verklang mit vier leisen Paukenschlägen. Es herrschte Stille. Niemand wusste so recht, was er sagen sollte. Wir alle waren verwirrt und überrumpelt von all den Autohupen, Trillerpfeifen und Peitschen, von den Dynamik- und Tempowechseln, von der bunten Mischung aus Wohlbekanntem und Neuartigem. »Gewöhnungsbedürftig«, »verstörend«, »totales Durcheinander« – so beschrieben Mitschüler ihre ersten Eindrücke.

Aus den ersten Eindrücken ergaben sich schnell konkrete Fragen zu der Instrumentierung, der Funktion und der Wirkung von Britannia. Wir suchten nach einer Struktur. Hörten einzelne Stellen immer wieder, versuchten Instrumente und Melodien zu erkennen. Viele rollten die Augen, etliche seufzten. Vielleicht fehlten uns Hintergrundinformationen zu Komponist und Werk.

Einer, der in der Stunde besonders laut geseufzt hatte, war Jan. Noch in der Pause gab er in einem Gespräch mit Mandy seinem Unmut Ausdruck:

– »Grausame Komposition!«
– »Du beschwerst dich immer nur. Warum denn dieses Mal?«
– »Nichts passt zusammen. Die ganzen komischen Instrumente und abrupten Wechsel – alles klingt schief.«
– »Gerade die Instrumente machen das Stück doch abwechslungsreich.«
– »Was suchen denn deiner Meinung nach Peitschen und Autohupen in einem klassischen Stück?«
– »MacMillan hat bestimmt einen Grund gehabt, die zu verwenden. Obwohl mir noch nicht klar ist, welchen.«
– »Autolärm brauche ich aber nicht in so einem Stück.«
– »Ich finde zumindest gut, dass er mal etwas Neues macht. Lass dich doch einfach auf die Musik ein!«

Wir, auch Jan, blieben aber geduldig und begannen zu recherchieren. Leider bot das Internet nicht viele Informationen über James MacMillan, sein Stück Britannia fanden wir nicht einmal in der Liste seiner Werke. Diese Tatsache warf Fragen bei uns auf: »Ist das Werk etwa unbedeutend?« Oder: »Hat sich der Komponist selbst zu seinem Werk geäußert?«

Am Ende wurden wir fündig. »Das Gewebe populärer Melodien und Anspielungen«, so schreibt MacMillan, »kann im Kopf des Hörers überraschende Szenarien hervorrufen, besonders in einer Zeit, da überall in Europa wieder kleinkarierter Chauvinismus aufzukommen droht.«

Nach und nach erkannten wir Zusammenhänge zwischen der Politik und Britannia. Einen verzerrten Marsch deuteten wir als Kritik am übertriebenen Nationalstolz der Briten. Das Erlöschen der letzten Takte fassten einige als finstere Prophezeiung für Europa auf. An anderen Stellen aber hörten wir Vögel zwitschern und mussten an englische Landschaften denken. Das Werk schien also auch positive Seiten Großbritanniens zu zeigen. Dafür nutzt MacMillan musikalische Zitate aus der Nationalhymne God Save the Queen, aus Edward Elgars Cockaigne-Ouvertüre oder schottischen Volkstänzen. Mit jeder weiteren Information ergab die Komposition mehr Sinn für uns. Trotzdem blieben die Meinungen geteilt. Manche sahen Britannia als Kritik an Großbritannien, andere als Loblied.

In der Zwischenzeit hatten viele Schüler ihre anfängliche Ablehnung abgelegt. Befragte man sie nun zu Britannia, kamen Antworten wie »Super interessant! Die Anordnung der einzelnen Teile ergibt für mich nun Sinn«, »Für mich fügt sich jetzt alles zusammen!« und »Gerade nach der langen Recherche finde ich es spannend, Zitate herauszuhören.« Andere blieben jedoch weiterhin skeptisch. »Ich finde es immer noch zu chaotisch« oder »Ich erkenne einfach keine klare Aussage in dem Werk. Die Instrumentation ist mir zu verrückt« waren weitere Reaktionen.

Doch wie MacMillan schon selbst gesagt hat, gibt es kein Richtig und Falsch in der Musik. Gerade die verschiedenen Reaktionen auf Britannia waren es, die uns beschäftigten. Komponist und Werk lassen bewusst Raum für eigene Interpretationen und Deutungen. Jeder kann und darf sich – das war eine wichtige Erkenntnis aus unserer Projektarbeit – eine eigene Meinung über Britannia bilden.

Peter Tschaikowsky (1840-1893)
5. Sinfonie e-Moll op. 64

DER KOMPONIST

Peter Tschaikowsky, 1840 in Wotkinsk geboren und 1893 in St. Petersburg gestorben, ist einer der meistgespielten Komponisten im heutigen Konzertleben – wenn auch nur mit einem Teil seines über 80 Werke umfassenden Œuvres. Zeit seines Lebens war seine Musik jedoch umstritten. Seine Landsleute warfen Tschaikowsky vor, sich französischen, deutschen und italienischen Einflüssen zu stark unterworfen zu haben. Im westlichen Ausland wiederum galt er mit seiner überströmenden »Gefühlsmusik« als Verkörperung der berühmten »russischen Seele«. Beide Beurteilungen lehnte Tschaikowsky ab und ließ sich auf keinen Richtungsstreit ein. Und letzten Endes war er es, der der russischen Musik zu Weltruhm verholfen hat und der zum Vorbild für die nachfolgende Komponistengeneration wurde.

Der gelernte Jurist war zunächst in Staatsdiensten beschäftigt, bevor er die Musik zu seinem Hauptberuf machte. Bis 1865 studierte Tschaikowsky bei Anton Rubinstein am Petersburger Konservatorium, im Anschluss unterrichtete er als Theorielehrer am Konservatorium in Moskau. Schüchtern, menschenscheu und unter seiner homosexuellen Veranlagung leidend, wurde er oft von Depressionen heimgesucht. Eine nur wenige Wochen dauernde Ehe endete mit einem Selbstmordversuch. 1878 wurde ihm von Nadeshda von Meck, mit der er eine enge Brieffreundschaft aufbaute, eine jährliche Pension ausgesetzt, die ihn aller finanziellen Sorgen entledigte. Tschaikowsky gab seine Anstellung auf und widmete sich fortan ganz dem Komponieren. Das plötzliche Ende der langjährigen Unterstützung durch die großzügige Mäzenin im Jahre 1890 konnte er trotz weltweit großer Erfolge dann nicht verschmerzen. 1893 wurde er unter bis heute ungeklärten Umständen Opfer einer Cholera-Epidemie.

DAS WERK

Aus dem Tagebuch von Tschaikowskys Haushälterin Olga Petrowskaja:

21.09.1888

Liebes Tagebuch,

langsam mache ich mir Sorgen. Ich sehe den Herrn Tschaikowsky immer seltener. Obwohl ich mich jeden Tag um seinen Haushalt kümmere. Er kommt kaum noch aus seinem Zimmer und ein Lächeln habe ich schon lange nicht mehr auf seinem Gesicht gesehen.

Als er vor ein paar Wochen von seinem Ferienhaus zurückkehrte, brachte der Herr eine vollendete Sinfonie mit, seine fünfte. Aber Tschaikowsky freut sich nicht darüber. Stattdessen flucht er in seinem Zimmer. Wenn ich ihn zu Gesicht bekomme, sieht er aus, als hätte er einen Nervenzusammenbruch hinter sich, total heruntergekommen. Ich weiß nicht, was ich machen kann, um ihn aufzuheitern.

18.11.1888

Liebes Tagebuch,

mein Cousin Dmitrij war gestern in der Uraufführung von Herrn Tschaikowskys jüngster Sinfonie. Ein wahres Meisterwerk, meinte Dmitrij. So etwas Schönes habe er noch nie gehört. Die Musik schien ihm geprägt von Tschaikowskys ganzem Schicksal. Eine Gänsehaut hat er bekommen. Und trotz der Schönheit hat die Stimmung wohl ausweglos gewirkt. Bis zum Finale, in dem Trompeten und Posaunen zum Triumph bliesen. Aber wer hat triumphiert? Tschaikowsky? Das Schicksal? Dmitrij weiß es nicht. Er weiß nicht, wie er dieses Ende deuten soll.

Bei der Schwermut, die Tschaikowsky in letzter Zeit hatte, vermute ich, dass Ängste oder sogar Schuldgefühle dahinterstecken. Ich frage mich schon seit längerem, was wohl der Grund für diese Ängste sein mag.

Vielleicht hätte ja seine Gattin ihn aufmuntern können, doch von ihr habe ich schon Jahre nichts mehr gehört. Überhaupt habe ich schon Ewigkeiten keine Frau mehr bei ihm zu Hause gesehen. Herr Tschaikowsky hat schon immer mehr mit Männern zu tun gehabt. Ob er gar nicht die Frauen bevorzugt? Nein, so etwas darf ich gar nicht denken!

Dmitrij meinte auch, dass ein Thema immer wieder im Werk auftaucht. Es wird von verschiedensten Instrumenten gespielt und zieht sich durch die ganze Komposition. Alle Zuhörer waren von den Variationen des Themas und überhaupt vom gesamten Werk entzückt.

20.11.1888

Liebes Tagebuch,

heute kam Tschaikowskys Bruder Modest, um zu gratulieren. Als ich den Tee servierte, konnte ich nicht anders, als Teile des Gesprächs zu hören.

Tschaikowsky war zornig und schimpfte über seine eigene Sinfonie: »Misslungen! Abstoßend! Künstlich!«

Modest widersprach: »Gestern auf der Premiere waren doch alle begeistert!«

P.: »Und wenn schon, ich bin es nicht. Ich finde es kitschig.«
M.: »Nichts, was mit dem wahren Leben zu tun hat, ist kitschig.«
P.: »Aber alles, was zu bunt ist, zu lang und zu unaufrichtig.«
M.: »Ich kenne dich und deine Gefühle. Deine Musik lügt nicht. Du kannst stolz auf dich sein. Du hast so an dir selbst gezweifelt und dann doch das Werk in nur wenigen Wochen fertiggestellt.«
P.: »Denkst du, mir fiel das leicht?«
M.: »Du sagst das, als wäre es meine Schuld!«
P.: »Die Inspiration ist nun mal ein Besucher, der nicht immer der ersten Einladung folgt.«
M.: »Aber der zweiten.«
P.: Manchmal. Das ist das Schicksal.«

Warum ist Tschaikowsky so unzufrieden mit seinem Meisterwerk? Ist seine Verzweiflung vielleicht größer als ich gedacht habe? Meine Gedanken über Tschaikowsky und sein Verhältnis zu Frauen lassen mich nicht los.

Wie sehr ich ihm wünsche, dass er sein Leben bald wieder genießen kann! Und wie gerne würde ich mir seine Sinfonie selbst einmal anhören!


Die Autoren dieser Programmhefttexte besuchen die Grundkurse Musik der Jahrgangsstufe E an der Christian-Wirth-Schule Usingen. Die Grundlage zur Arbeit an den Texten schafften Leandra Kirchner und Naomi Soerensen. Die Christian-Wirth-Schule ist eine von zwei »Spielzeitschulen« des hr-Sinfonieorchesters in der Saison 2017/18.

Die Interpreten:

Manfred Honeck

ist seit der Saison 2008/09 Music Director beim Pittsburgh Symphony Orchestra. Umjubelte gemeinsame Gastspiele führen regelmäßig in die großen Musikmetropolen sowie zu bedeutenden Festivals. Diese erfolgreiche Zusammenarbeit wird durch zahlreiche, mit namhaften Schallplattenpreisen ausgezeichnete Einspielungen dokumentiert.

Der gebürtige Österreicher absolvierte seine musikalische Ausbildung an der Hochschule für Musik in Wien. Seine Arbeit als Dirigent wird durch Erfahrungen geprägt, die er über lange Jahre als Mitglied der Wiener Philharmoniker und des Wiener Staatsopernorchesters sammeln konnte. Seine Laufbahn begann er als Assistent von Claudio Abbado in Wien; anschließend ging er als Erster Kapellmeister ans Opernhaus Zürich, wo er mit dem Europäischen Dirigentenpreis ausgezeichnet wurde. Nach Positionen in Leipzig als einer der drei Hauptdirigenten des MDR Sinfonieorchesters, und Oslo, wo er als Erster Gastdirigent des Oslo Philharmonic Orchestra tätig war, wurde er zum Music Director des Swedish Radio Symphony Orchestra Stockholm berufen; er war außerdem für mehrere Jahre Erster Gastdirigent der Tschechischen Philharmonie. Von 2007 bis 2011 wirkte Manfred Honeck als Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart.

Als Gastdirigent stand Manfred Honeck am Pult aller führenden internationalen Klangkörper, darunter des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, der Berliner Philharmoniker, des Gewandhausorchesters Leipzig, der Sächsischen Staatskapelle Dresden, der Wiener Philharmoniker, des Concertgebouw-Orchesters Amsterdam, des London Symphony Orchestra, des Orchestre de Paris und der Accademia di Santa Cecilia Rom; in den USA leitete er bereits die großen Orchester aus Los Angeles, New York, Cleveland, Philadelphia, Chicago und Boston.

Manfred Honeck wurde von mehreren US-amerikanischen Universitäten zum Ehrendoktor ernannt. Im Auftrag des österreichischen Bundespräsidenten wurde er kürzlich mit dem Berufstitel Professor ausgezeichnet. Die Fachjury der International Classical Music Awards zeichnete ihn 2018 als »Artist of the Year« aus.